Jüdische Kultur auf Hebräisch

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"Vorspiel der Vernichtung"


Die Deportation der Ostjuden am 28. Oktober 1938

Meldung aus der Rheinisch-Westfälischen Zeitung (Essen) vom 29.10.1938 Rheinisch-Westfälische Zeitung (Essen) vom 29.10.1938: die Deportation wird mit zynischer Verharmlosung geschildert.
"Polen-Aktion" hieß im Nazi-Jargon die brutale Abschiebung Tausender in Deutschland lebender polnischer Juden im Oktober 1938. Die polnische Regierung strebte bereits seit längerem an, möglichst vielen im Ausland lebenden Juden die Staatsangehörigkeit abzuerkennen; Anfang 1938 beschloss das polnische Parlament ein entsprechendes Gesetz. Daraufhin wies die SS am 26. Oktober die Polizei an, möglichst alle in Frage kommenden Personen "vor Ablauf des 29. Okt. 1938" abzuschieben.

Reichsweit wurden ungefähr 17.000 Juden polnischer Herkunft mit ihren Familien in den Morgenstunden verhaftet.

Fast alle großen deutschen Städte erlebten Razzien und Verhaftungen: von beispielsweise 600 Personen in Dortmund, 420 in Essen, 70 in Gelsenkirchen, 55 in Bottrop, 361 in Düsseldorf, mehr als 2.000 in Berlin, 2.000 in Frankfurt am Main, mehr als 1.600 in Leipzig, fast 3.000 in Breslau ....
Die Verhafteten wurden bis zum Abend in Gefängnissen, Turnhallen und so weiter festgehalten.

Ein Augenzeugenbericht


Ottilie Schönewald, Vorsitzende des Jüdischen Frauenbunds und Ehefrau des Gemeindevorsitzenden, berichtete aus Bochum über diesen Tag:

" Die Autokolonne fuhr zu allen jüdischen Metzgern, kaufte alle vorhandenen koscheren Würste auf, dann zu den Bäckern, die versprachen, am Morgen ein paar hundert frische Brötchen zu reservieren....
Der mir bekannte Wachhabende bedeutete mir, wir sollten unsere Speisung am Bahnhof vornehmen. Am Bahnhof war schon eine wimmelnde Masse aufgeregter, weinender, schreiender Frauen und Kinder versammelt, und immer neue Lastautos fuhren an und 'schütteten' förmlich ihre Elendlast auf den Vorplatz.... Als es dann aber gegen 10.30 Uhr hieß: 'Alle auf den Bahnsteig', erlebten wir eine Massenpsychose reinster Ausprägung. Alles hetzte, drängte, obwohl doch keiner diesen Augenblick herbeigesehnt hatte. Die Mütter schrien nach ihren Kindern, die sie an der Hand oder am Rockzipfel hängen hatten, die Kinder schrien nach ihren Müttern. Hier und da gelang es auch noch, Verfügungen über das zurückgelassene Eigentum zu treffen."

Die Mehrzahl der Betroffenen fuhr in die Ungewissheit - viele von ihnen waren noch nie in Polen gewesen.

Es gab mehrere Zielorte der Abschiebungen – der wichtigste war die polnische Grenzstation Zbaszyn (Bentschen) in der Provinz Posen. Die überraschten polnischen Grenzbehörden versuchten, die Züge abzuweisen, die Insassen wurden oft zu Fuß sieben Kilometer weit auf die grüne Grenze zugetrieben, Familien, Greise, von ihren Eltern getrennte Kinder und Jugendliche irrten unter Verlust ihres Gepäcks durch das Niemandsland und wurden schließlich notdürftig aufgenommen.
Neuankömmlinge in Zbaszyn/Bentschen im November 1938 Neuankommende Deportierte aus Deutschland in Zbaszyn/Bentschen November 1938.
Foto aus: J. Tomaszewski 2002
Ungefähr 3.000 Menschen konnten in den ersten Tagen innerhalb Polens weiterreisen – der Rest wurde zwangsweise festgehalten. Die meisten Deportierten (in Zbaszyn zwischen 5.000 und 10.000) mussten neun Monate in Militär-Pferdeställen und einer ehemaligen Mühle hausen.

Betroffen war auch die Hannoveraner Familie Grynszpan; ihre Nachricht erreichte den in Paris lebenden Sohn Herschel am 3. November und veranlasste ihn zu dem Attentat auf einen deutschen Konsularbeamten, das die Nazi-Regierung als Vorwand für die Pogrome diesen Begriff im Glossar nachschlagen , genannt "Kristallnacht", am 9. und 10. November 1938 nahm.

Im Laufe des Jahres 1939 durften die meisten Lagerinsassen zu Verwandten in Polen oder in andere Länder weiterreisen, viele Kinder wurden vom Ausland aufgenommen. Am 30. August wurde das Lager Zbaszyn aufgelöst, am 1. September überfiel die deutsche Armee Polen.