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Familie Eisendrath in Dorsten


1811 taucht zum ersten Mal der 27-jährige Samson Nathan Eisendrath in den Büchern der Stadt auf.

Urkunde über die Annahme des Namens "Eisendrath" Urkunde der Preußischen Regierung über die Annahme des Familiennamens "Eisendrath" im Oktober 1845.
Abbildung: Jüdisches Museum Westfalen
Er ist der dritte Jude, der eine Niederlassungserlaubnis für Dorsten erhält. Verheiratet ist er mit Julia Isaak. 1812 wurde der erste Sohn Baruch in Amsterdam geboren. Eine Vielzahl weiterer Kinder folgten im Laufe der Jahre, wobei wir von 18 Geburten ausgehen. Bei einer Testamentsbeurkundung 1855 sprechen Julia und Samson Nathan Eisendrath von elf lebenden Kindern, nämlich von Baruch, David, Moses, Levi, Nathan, Oskar, Jeanette, Cosmann, Benjamin, Adelheid und Eva.

"Eisen" und "Drath"


Nach einem Kabinettsbeschluss der Preußischen Regierung mussten ab 1845 alle Juden einen erblichen Namen führen. Samson Nathan erklärte für sich und seine Familie den Familiennamen Eisendrath zu führen, den er schon seit vielen Jahren benutzte. Der Name Eisendrath ist ein sehr ungewöhnlicher Name und in der Familie wird er so interpretiert: "Eisen" als das härteste Metall und "drath" als das Band, das die Familie zusammenhält. Der Name sollte große Kraft und Einheit symbolisieren. Alle heute lebenden Eisendraths führen sich auf den Urvater Samson Nathan Eisendrath aus Dorsten zurück.
Wiesenstraße 10 in Dorsten Das Haus Wiesenstraße 10 in Dorsten ehemaliger Wohnsitz der Familie Eisendrath im Jahre 1910.
Foto: Jüdisches Museum Westfalen
Zunächst wohnte die Familie Eisendrath außerhalb des Stadtwalls, aber schon bald kaufte Samson Nathan in der Wiesenstrasse, in der Nähe des Marktplatzes, ein größeres Grundstück und später noch verschiedene andere Parzellen hinzu. Das Haus in der Wiesenstrasse, in der Nachbarschaft der Synagoge gelegen, war 70 Jahre das Wohn- und Geschäftszentrum der Familie Eisendrath.

Bildung der Kinder forciert


Das Herz dieses Hauses war Julia Eisendrath. Sie starb 1878 im hohen Alter von 85 Jahren und überlebte ihren Mann um 21 Jahre. Im Gedächtnis der Nachkommen ist sie die Matriarchin, die in der Familie das Sagen hatte. Sie sei stolz gewesen und sehr überzeugt von sich, wird berichtet. Aber sie war vor allem tüchtig und muss eine bemerkenswerte Hausfrau gewesen sein, der es gelang, einen so komplizierten Haushalt zu dirigieren. Die Kinder liebten und verehrten sie. Sie selber konnte nicht lesen und schreiben, aber sie forcierte die Bildung ihrer Kinder.

Die Familie hielt fest zusammen, die älteren Geschwister halfen bei der Erziehung der jüngeren, und alle traten füreinander ein. Noch heute gilt im US-amerikanischen Eisendrath-Clan das Familien-Motto, das in der Dorstener Geschichte seinen Ursprung hat: "Alle für einen und einer für alle". Julia galt aber auch als großzügig und wohltätig, und zwar allen Armen und Bedürftigen gegenüber gleich welcher Religion. Finanzielle Unterstützungen des katholischen Krankenhauses und eines Kirchenneubaues sind aktenkundig.
Statuten der Dorstener Synagogengemeinde, 1856 Statuten der Dorstener Synagogengemeind von 1856, unterzeichnet von zwei Mitgliedern der Familie Eisendrath.
Abbildung: Jüdisches Museum Westfalen
Samson "Sohn des Nathan" entwickelte sich zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinde in Dorsten. Er war ihr erster Synagogenvorsteher, Mitverfasser der Gründungsstatuten, Rendant der Gemeinde sowie der Marks-Haindorf-Stiftung, aber auch Verursacher der Synagogenspaltung in Dorsten, was auf seine Reformhaltung zurückzuführen ist.

Engagement für andere


Samson Nathan Eisendrath war für die damalige Zeit ein sehr fortschrittlicher Mann. Er schickte nicht nur seine Kinder aufs Gymnasium, sondern engagierte sich auch für die Bildung und Ausbildung anderer jüdischer Kinder. Seine beruflichen Engagements erstrecken sich als Handelsmann auf den An- und Verkauf von Lebensmitteln, er besaß ein Manufakturgeschäft, er betätigte sich als Metzger und Gerber. Seine Söhne wurden Handels- und Kaufleute, aber wir finden auch Handwerker wie Gerber und Kerzenmacher unter ihnen.

Aufgrund seines wachsenden Wohlstands wurde Samson Nathan ein angesehener Bürger der Stadt Dorsten. Er starb lange vor seiner Frau im Jahre 1857.