Jüdische Kultur auf Hebräisch

Jüdisches Leben in Europa jenseits der Metropolen

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Nathan Eisendrath wandert nach Amerika aus


1847 kam Nathan Eisendrath ohne einen Cent in Amerika an.

Zunächst schlug er sich als Laufbursche bei einer Drogerie durch, dann versuchte er es in einer Buchhandlung, später dann arbeitete er in einer Seifenfabrik in Pittsburgh. So hatte er mehrere wechselnde Jobs, aber kein festes Einkommen.

Bei der Arbeitssuche kam er auch bei einer Seifenfabrikation vorbei, wo gerade Fässer von Talglichtern umgeladen wurden. Er bot seine Hilfe an und wurde zum Chef des Unternehmens geschickt. Bei der Ausfüllung des Arbeitsgesuches schrieb er nur seinen Namen und seinen Geburtsort, da er die Sprache noch nicht beherrschte.

War es ein Zufall, dass gerade in dieser Firma sein ehemaliger Partner Bettinger die Geschäftsführung inne hatte? Nathan bekam sofort einen festen Job, und auch die Schulden aus Dorsten wurden von Bettinger beglichen.
Louis und Hannah Eisendrath mit Kindern 1901 Louis und Hannah Eisendrath mit ihren Kindern Blanche und Samuel 1901 im Jahr 1901, Manhattan Beach.
Foto: Jüdisches Museum Westfalen
Nach dieser glücklichen Fügung schrieb Nathan zum ersten Mal nach Dorsten. Seine geschäftlichen Aktivitäten nahmen durch das finanzielle Polster großen Aufschwung. Nathan war ein sehr agiler und experimentierfreudiger Handelsmann, aber letztendlich auch erfolgreich.

Geschäfte in Philadelphia, Pittsburgh und Chicago


Seine Aktivitäten erstreckten sich auf Geschäfte in Philadelphia, Pittsburgh und Chicago. Er handelte mit Obst, Spirituosen, Seifenartikeln und anderen Produkten. 1853 schlug er seine Zelte endgültig in Chicago auf. Die verschiedenen Handelssparten, unter anderem Bankwesen, Viehhandel, Großhandel mit Lebensmitteln, Tätigkeiten im Bereich der Lederfabrikation, aber auch Ziegelhandel, wurden 1856 unter dem Namen "Nathan Eisendrath Company" zusammengefasst. Besonders Nathans Beteiligung an der Ziegelherstellung und dem Ziegelhandel leistete der Firma aber auch der Familie 1871 nach dem großen Brand von Chicago wertvolle Wiederaufbauhilfe.

Nathan Eisendrath wurde 1865 zu den jüdischen Spitzenverdienern von Chicago gerechnet, das Gesamtkapital 1866 mit 100.000 Dollar und mehr beziffert.

Nathan schickte schon früh finanzielle Unterstützung nach Dorsten und schrieb seinen Eltern und Geschwistern begeistert von dem neuen Land. 1856 kam als erste seine Schwester Adelheid nach Chicago. In den folgenden fünf Jahren folgten die Brüder Cosman, David, Levy, Benjamin und Moses mit ihren bis zu zehn Kindern zählenden Familien. Im Laufe der nächsten 20 Jahre emigrierten alle noch lebenden Angehörigen der Familie Eisendrath bis auf den ältesten Sohn, Baruch, der nach Amsterdam verzog, nach Amerika. Sie fanden alle dank eines weit verzweigten Geschäftsnetzes ihres Bruders schnell Arbeit.

Kontinuitäten


Nach kurzer Eingliederung arbeiteten sie meistens in der Branche weiter, in der sie auch in Dorsten schon erfolgreich waren. Zum Beispiel waren David, Moses und Levy Eisendrath als Gerber in Dorsten tätig gewesen. Moses hatte noch 1864 mehrere Parzellen außerhalb der Stadt Dorsten gekauft, um die mit einer "Gerberei zusammenhängenden schädlichen Ausdunstungen von thierischen Gerüchen erhebliche Nachtheile oder Belästigungen für das Publikum" nicht herbeizuführen.

Schon ein paar Jahre später gründete er mit seinen Brüdern eine recht erfolgreiche Lederfabrikation in den USA, David Eisendrath war einer der ersten Unternehmer, der Leder färbte. Bis heute gehören wichtige Firmen der US-amerikanischen Lederverarbeitung Mitgliedern der Familie.
Eingang des Jüdischen Friedhofs Dorsten Eingangstor des Jüdischen Friedhofs Dorsten: Die Hilfen der ausgewanderten Familien belegen die anhaltende Beziehung zur Herkunftsstadt.
Foto: Jüdisches Museum Westfalen
1852 heiratete Nathan Eisendrath in Pittsburgh Helene Fellheimer, auch sie stammte aus einer ausgewanderten deutschen Familie. Der erste in den USA geborene Eisendrath wird Benjamin Washington Eisendrath genannt. Nathan Eisendrahts eigene Familie wächst zusehends, aber auch die Familienzusammenführung von neun Geschwistern mit ihren Partnern und Kindern ist beachtenswert.

200 Familienmitglieder in den USA


Bei der Ankunft von Eva Wolff-Eisendrath im Jahre 1880 wird in Chicago ein großes Fest nach deutscher Art mit viel Essen und Trinken veranstaltet. Um die Jahrhundertwende Nathan stirbt erst 1906 spricht man schon von 200 Familienmitgliedern in den USA.

Noch heute spiegelt sich das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit in der Pflege der verwandtschaftlichen Beziehungen wider. So bestand jahrelang ein "Eisendrath Cousins Club" mit monatlichen Zusammenkünften, und einmal jährlich gab es ein Treffen der Großfamilie.

Der Cousins Club zählte 1933 rund 3000 Mitglieder. Im September 1933 schrieb der Club an den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, um gegen die Behandlung der "Deutschen jüdischen Glaubens" zu intervenieren.

1867 reiste Nathan Eisendrath mit seiner Familie zum ersten Mal wieder nach Europa. Sein Sohn Benjamin Washington kam ins Internat in Brüssel. Nathan Eisendrath knüpfte geschäftliche Kontakte in ganz Europa. Die Wege führten aber immer wieder nach Westfalen, in die Geburtsstadt Dorsten. Auch später kommen Familienmitglieder immer wieder einmal nach Dorsten und besuchen die Gräber ihrer Vorfahren. So ließen sie 1910 und 1922 den jüdischen Friedhof in Dorsten renovieren; 2003 gaben Mitglieder der Eisendrath-Familie einen Zuschuss für die Arbeit des Jüdischen Museums Westfalen in Dorsten.