Jüdische Kultur auf Hebräisch

Jüdisches Leben in Europa jenseits der Metropolen

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Der Vierländersejm – Waad Arba Aracot


Im 16. und 17. Jahrhundert ging es mit der wirtschaftliche Entwicklung in der jüdischen Gemeinde in Lublin bergauf.

Szeroka-Straße in Lublin. Hausnummern von 9 bis 19 Szeroka-Straße in Lublin.
Zeichnung von Richard Henker aus dem Buch von Majer Bałaban "Die Judenstadt in Lublin."
1580 enstand aufgrund des Priviliegs von Stefan Batory das jüdische Parlament, der so genannte Vierländersejm (Waad Arba Aracot) in Lublin. Das Parlament war die höchste Instanz, durch die die Juden in der Polnischen Adelsrepublik vertreten wurden. Zu dem Waad Arba Aracot gehörten die Vertreter jeder einzelnen jüdischen Gemeinde aus den verschiedenen Landkreisen und Bezirken in Großpolen, Kleinpolen, Litauen und Ruthenien.

Zu den Mitglieder zählten meistens die gelehrtesten Rabbiner, reiche Geschäftsleute und Bankiers. Dieses innerhalb Europas einzigartige Parlament versammelte sich zur Zeit der Jahrmärkte, wenn auch viele Kaufleute aus dem Ausland in Lublin waren. Zwei Mal im Jahr fanden die Sitzungen entweder in Lublin oder in Jarosław statt. Außer den Kaufleuten und Landbesitzern aus ganz Polen kamen zur Zeit der Jahrmärkte immer viele Deutsche, Franzosen, Italiener, Perser, Türken, Tataren, Armenier und Russen nach Lublin. Die Versammlungen begannen immer sonntags, am dem Tag, an dem auch der der so genannte Lichtmessjahrmarkt anfing, und dauerten einige Tage.

Sitzungen in anderen Städten


Aufgrund der vielen Kriege und der damit verbundenen Zerstörung Lublins in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts fanden die Sitzungen des Vierländersejms daraufhin in anderen Städten statt. Am häufigsten kam das Parlament in Jarosław zusammen, aber es kam auch zu Treffen in Łęczna, Szczebrzeszyn, Opole Lublelskie und Tyszowce in der Nähe von Lublin. Am Ende des 17. Jahrhunderts fanden die Versammlungen nur noch in Jarosław statt.

In der Szeroka-Straße 19


Auf einer langen Tradition beruhend, versammelte sich der Waad Arba Aracot – der Vierländersejm – immer in der Szeroka-Strasse 19 in Lublin. Er legte die Höhe der Steuern fest, die an das königliche Finanzministerium gezahlt werden mussten. Neben finanziellen Dingen kümmerte sich das Parlament auch noch um Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen jüdischen Gemeinden.

Aber in Lublin wurden nicht nur Entscheidungen in polnischen Angelegenheiten gefällt. Juden aus ganz Europa kamen hierher um den Vierländersejm um Rat und Hilfe zu bitten. Nach der Vertreibung der Juden aus Tschechien schlichtete der Vierländersejm den Streit zwischen den verschiedenen tschechischen Gemeinden. Er genoss so großes Ansehen, dass er sogar darum gebeten wurde, eine Entscheidung bei den Auseinandersetzungen der jüdischen Gemeinden in Amsterdam zu fällen. Eine seiner bekanntesten Beschlüsse war die Bekanntgabe der Verbannung des falschen Messias Sabataj Cwi im Jahr 1670. Der Waad Arba Aracot koordinierte auch die Publikationen und den Vertrieb hebräischer Bücher.

Eine der bedeutesten Personen, die mit dem Waad Arba Aracot in Verbindung gebracht wird, ist sein vorletzter Vorsitzender Abraham Heilpern, ein Nachkomme einer in ganz Europa bekannten Rabbinerfamilie.
Der Waad Arba Aracot war für die Juden die Fortsetzung des biblischen Sanhedryn diesen Begriff im Glossar nachschlagen (jüdisches Gericht). Die Abgeordnete des Parlaments hielten über die jüdische Bevölkerung Gericht, verabschiedeten Gesetze und überprüften alle Streitfälle. Der Vierländersejm bestand bis 1764, bis der polnische Adel alle jüdischen Versammlungen als illegal befand und das weitere Zusammentreffen der Mitglieder des Sejms verbot.