Jüdische Kultur auf Hebräisch

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"An der Basis liegt das Exil"


Ein jüdischer Staat sei die beste Medizin, das kranke jüdische Volk zu heilen.

Mitglieder der Niederländischen Zionistischen Studenten Organisation, Abteilung Groningen Mitglieder der Niederländischen Zionistischen Studenten Organisation, Abteilung Groningen.
(Foto: RHC GrA Tg 818 invnr. G20-1756d)
1908 gründeten jüdische Studenten an der Universität von Groningen eine Abteilung der "Nederlandse Zionistische Studenten Organisatie" (NZSO/Niederländische Zionistische Studenten Organisation). Es handelte sich zwar um eine kleine Gruppe, aber ihr Einfluss auf den intellektuellen Teil der Groninger Juden war erheblich. Während ihres Bestehens vereinte die NZSO ungefähr die Hälfte der jüdischen Studenten der örtlichen Universität. Die Aktivitäten bestanden vor allem aus Vorträgen. Auf diese Art und Weise glaubte man das Wissen in Bezug auf Judentum und Zionismus unter den Studenten zu vertiefen. Die NZSO stellte sich stark gegen eine religiöse Definierung des Judentums.

Die Vorträge der NZSO waren gekennzeichnet durch ein großes Interesse an Psychologie und Psychiatrie. Vor allem die Ansichten des Groninger Psychologieprofessors Gerardus Heymans (1857–1930) kamen an, mehr noch als die von Herzl. Der Grund dafür war wahrscheinlich, dass viele jüdische Studenten Medizin studierten. Aber auch der Einfluss des Psychiaters Abraham Albert Weinberg, eines Schülers von Heymans, war unverkennbar. Die Faszination für die Psychologie versuchte man mit dem "Wesen" des jüdischen Volkes und sogar mit dem zionistischen Ideal zu verbinden.
Titelseite der zionistischen Broschüre Herzl und Bialik Auch über die zionistische Broschüre Herzl und Bialik: Wegbereiter einer jüdischen Zukunft, wurde in der NSZO diskutiert.
(RHC GrA Tg 368 inv nr. 27)

"Spezielle Psychologie"


Ein gutes einschlägiges Beispiel stellt die Arbeit des Psychologen Julius Leydesdorff dar. Er promovierte 1919 in Groningen cum laude mit seiner Arbeit "Beitrag zur speziellen Psychologie des jüdischen Volkes." Nach dem Vorbild von Heymans, der acht Typen Menschen oder Temperamente unterschied, schloss Leydesdorff, dass der "nervöse", "sentimentale" und "passionierte" Typus mehr bei Juden als bei Nicht-Juden zu finden war. Dementsprechend litten Juden häufiger unter nervösen Krankheiten als Nicht-Juden. Aber es blieb nicht bei dieser Feststellung. Laut Leydesdorff war die anormale Position der Juden die Ursache vieler Nervenleiden. Kurz, aber kräftig formulierte er es so: "An der Basis liegt das Exil."

Jetzt, da die Diagnose gestellt war, lag die Heilung auf der Hand. Nur wenn das jüdische Volk von den Ketten des Exils befreit und über einen eigenen Staat verfügen würde, würde das jüdische Volk "an Körper und Geist wieder gesunden." Und die erste These seiner Dissertation lautete dann auch: "Nur die Verwirklichung des (Programms) des Zionistenbundes kann die kranke jüdische Psyche heilen."
Titelseite der von G. Italie verfassten Broschüre "Waarom Agoedist?" (Warum Agudist?) Über die von G. Italie verfasste Broschüre "Waarom Agoedist?" wurde in den Versammlungen der NSZO leidenschaftlich diskutiert.
(RHC GrA Tg 368 invnr. 27)

Assimilation unmöglich


Die Frage, ob dieser jüdische Staat in Palästina liegen müsste, fehlt auffälligerweise bei der NZSO. Erst die Kristallnacht vom 9./10. November 1938 öffnete vielen Mitgliedern der Vereine die Augen. Assimilation hielten sie künftig für unmöglich. Die Gründung eines nationalen Zentrums, wo alle Juden in Sicherheit leben konnten, galt jetzt als höchste Priorität.

Dennoch zogen nur wenige Mitglieder aus dieser Tatsache die Konsequenz, die Alijahdiesen Begriff im Glossar nachschlagen nach Palästina zu unternehmen. Jeder hatte wohl seine Gründe, nicht zu gehen: das Studium noch nicht abgeschlossen, kein Pass, zunächst Geld verdienen und so weiter. Außerdem würde es in den Niederlanden nicht so schlimm kommen wie in Deutschland. Man wähnte sich hier in Sicherheit. Abraham Weinberg und David Cohen, der Vorsitzende der NZSO, waren unter den Wenigen, die das zionistische Ideal in die Praxis umsetzten. Weinberg und Cohen wanderten tatsächlich nach Palästina aus.