Jüdische Kultur auf Hebräisch

Jüdisches Leben in Europa jenseits der Metropolen

Logo des EU-Rahmenprogramms zur Kulturförderung "Kultur 2000"
Logo des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe
Westfalen
Groningen
Lublin

Kontakt aufnehmen Kontakt |  Zeitleiste mit geschichtlichen Überblick Zeitleiste |  Glossar Glossar |  Literaturtipps Literatur |  Weiterführende Links Links | Filmdokumente des Projektes Film | Tondokumente des ProjektesTon |  Hilfe Hilfe |  Seite auf deutsch D  |  Seite auf niederländisch NL  |  Seite auf polnisch PL  | 

  Sie sind hier: Home


Levy Ali Cohen und die Politik


Reformen im öffentlichen Gesundheitswesen konnten nur durch ein Zusammenfließen von Wissenschaft und Politik erreicht werden.

Wagen zum Transport von Cholerapatienten Zeichnung eines Wagens um Cholerapatienten zu transportieren.
(Abbildung: RHC GrA Tg 818 invnr. 15788)
In den frühmodernen Städten brachen regelmäßig ansteckende Krankheiten aus. Groningen bildete in diesem Zusammenhang keine Ausnahme. Im Jahre 1826 war die Stadt bereits der Schauplatz einer Malaria-Epidemie, die etwa zehn Prozent der Bevölkerung das Leben kostete.

1848–1849 wurde die Stadt von einer Cholera-Epidemie heimgesucht. Auch jetzt wieder mit vielen Todesopfern, vor allem unter den Armen der Bevölkerung. Als Armenarzt der jüdischen Gemeinde war Ali Cohen unmittelbar mit den schrecklichen Folgen der Cholera konfrontiert.

Motor gesellschaftlichen Fortschritts


Unter dem Eindruck dieses Ereignisses änderte sich seine Meinung über die Wissenschaft. Früher war es die Aufgabe der Medizin, Krankheiten zu heilen und vorzubeugen. Aber jetzt betrachtete er die Wissenschaft als Motor des gesellschaftlichen Fortschrittes. Und das galt ebenso für die Medizin. Es war ihre Aufgabe, die Gesellschaft zu verbessern, indem die Bedingungen für eine gute Volksgesundheit realisiert wurden. Denn nach Meinung Ali Cohens war die schlechte öffentliche Hygiene die Hauptursache der Epidemien. In Veröffentlichungen prangerte er die Stadtverwaltung an, dies kläglich vernachlässigt zu haben.
Gasse in Groningen, 1925 Vor allem in den Gassen herrschten schlechte hygienische Zustände.
(Foto: RHC GrA Tg 1785 invnr. 2055)
Obwohl es der Stadt Groningen in wirtschaftlicher Hinsicht nicht schlecht ging, lebte ein großer Teil der Bevölkerung in Armut. Die Stadt war schmutzig, von öffentlicher Hygiene konnte kaum die Rede sein. An bestimmten Stellen in der Stadt gab es zwar öffentliche Wasserbrunnen, diese waren aber stark verunreinigt. Abwässer aus den Haushalten und Betrieben wurde auf das Oberflächenwasser abgeleitet und vor allem in den warmen Sommermonaten war dies eine Quelle diverser Infektionskrankheiten.

Schlechte Wohnsituation


Die Wohnsituation sah ebenfalls schlecht aus. Die Elite wohnte in den höheren, trockenen Teilen der Stadt, während die Armen in den niedriger gelegenen, feuchten Vierteln der Stadt wohnten. Als "Wohnung" konnten ihre Unterkünfte kaum bezeichnet werden. Es waren feuchte Bruchbuden mit einem oder zwei Zimmern mit verschimmelten Wänden, ohne Wasser oder Toilette, in denen nicht selten mehr als zehn Personen hausten.
Portrait des niederländischen Staatsmannes Thorbecke, 1875 Ein von Jozef IsraŽls gemaltes Portrait des Staatsmannes J.R. Thorbecke.
(Universität von Leiden)
Ali Cohen kam zu der Überzeugung, dass die von ihm vorgeschlagenen Reformen der öffentlichen Gesundheitspflege nur durch eine Verbindung von Wissenschaft und Politik realisierbar wären. Er verfolgte mit Interesse die demokratischen Revolutionen von 1848 in Europa. In den Niederlanden führten diese Entwicklungen zu einer grundlegenden Änderung des Grundgesetzes durch den Staatsmann Thorbecke. Dadurch konnten direkte Wahlen für die "Provinciale Staten" (das regionale Parlament) abgehalten werden. Bis dahin waren es der Adel, die Grundbesitzer und die Kapitalisten, die die Entscheidungen trafen. Aber einem Kommentar von Ali Cohen in der liberalen Zeitung "Groninger Courant von 1850" zufolge, hatte jetzt der denkende Teil der Nation, der zum Regieren vorbestimmt war, das Wort.

"Aristokratie der Tugend"


"Wählt solche Männer, Mitbürger! Und wählt sie aus allen Gesellschaftsschichten, folgt nicht ausschließlich den Bekennern von irgendeiner Religion, sondern wählt sie aus keinem anderen Grund und aus keiner anderen Triebfeder als der, der Ihnen ein unparteiisches Interesse am allgemeinen Wohl eingibt. Denn wir sind Liberale, und keineswegs nur für einen Tag – wir sind Volksfreunde und gehören zum Volk – und dennoch sind wir Aristokraten, das ist nicht die Aristokratie der Geburt, nicht des Geldes, sondern des Talentes und der Tugend."

Sowohl die allgemeinen als auch die regionalen Wahlen wurden von den Liberalen gewonnen. Der liberale Führer Thorbecke bildete eine Regierung. Er bat Ali Cohen, die medizinische Gesetzgebung zu verfassen. Dessen Arbeit resultierte in vier wichtigen Gesetzesentwürfen auf dem Gebiet der öffentlichen Gesundheitspflege. Es wurden unter anderem die "Medizinische Staatsaufsicht" sowie die Aufsicht auf Waren und Nahrungsmittel eingeführt.